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Abenteuer Ausland - Teil II

So, ihr Lieben – mehr als eine Woche meines „stage d’intégration“ ist schon rum und bis jetzt bin ich in meiner Ansicht, die richtige Uni gewählt zu haben, eigentlich nur bestärkt worden. Aber ich sollte von vorne beginnen. Am Donnerstag, 13.9. hatten wir morgens, nach einem gemeinsamen Frühstück, den offiziellen Empfang vom Direktor. Zuerst bekamen wir eine kleine Kostprobe von der Oper von Nancy, denn unser Sprachenkoordinator ist auch gleichzeitig Sänger dort. Und so fing dieser Empfang mit dem „Vogelfänger“ an. Die Rede des Direktors vier Stunden gedauert…aber aber sie war auch wirklich interessant. Das Konzept von Sciences Po hat mich doch sehr stark an das Konzept der modernen Schule erinnert. Das Gebäude selber ist top ausgestattet. Dank W-Lan kann man sich überall ins Internet einloggen – was auch gerne mal zu kleinen MSN oder ICQ-Einlagen mitten in der Vorlesung führt, wie mir meine Patin berichtet hat…
Wir haben unseren hauseigenen Informatiker, der sich um das ganze Technikequipment (beeindruckend!!! Wir haben zum Beispiel auch Vorlesungen direkt aus Paris, die live per Videokonferenz übertragen werden und die wir hinterher nochmal auf einem Server – youtube ähnlich – anschauen können.) und auch um die zusammengebrochenen Rechner der Studenten kümmert. Die Hörsääle und die ganze Uni sind in einem super Zustand. Keine Kritzeleien auf den Tischen, alles hell und freundlich, also eine perfekte Lernatmosphäre . Man hat im Prinzip überall die Möglichkeit, sich mal kurz hinzusetzen und schnell ins Internet zu gehen. Wir haben einen kleinen Freizeitraum, wo Sofas stehen, die Schließfächer sind und wo sich auch ein Kicker befindet, sodass wir auch unseren Kopf mal frei kriegen können.
Was die Studenten hier angeht – Respekt! Der Direktor hat keinen Zweifel daran gelassen, dass wir ja hier an diese Uni kommen wollten und dass wir dafür große Anstrengungen unternommen haben (Bewerbungsdossier schicken, Bewerbungsgespräch meistern, etc… und dass deswegen auch erwartet wird, dass wir arbeiten. Daran habe ich keinen Zweifel. Es hört sich arrogant an, es so zu formulieren, aber es ist so: hier an dieser Uni befindet sich die Elite. Es gibt unheimlich viele „franco-allemands“ , die sowohl Deutsch als auch Französisch fließend sprechen; von Deutschen hat ein sehr großer Teil schonmal in Frankreich gelebt oder hat schon ein Jahr Französischstudium hinter sich. Sehr viele Leute haben den Abibac gemacht. Das kann einem so als ganz „normalen“ Menschen – deutsch, Abitur, noch nie in Frankreich gelebt, keine französisch-stämmige Verwandtschaft – schon verdammt viel Respekt einflößen. Ich habe häufig den Eindruck, mein Französisch ist unter aller Sau. Und, ja ich schäme mich auch dafür, in den letzten Tagen habe ich meistens mit Deutschen rumgehangen und natürlich Deutsch gesprochen… Aber auf der anderen Seite glaube ich, hier auch die Herausforderungen zu finden, die mir in der Schule zum Teil gefehlt haben. (Mist, schon wieder kommt diese Arroganz durch, obwohl ich es gar nicht so meine…) Ich glaube, es wird noch eine Weile dauern, bis wir alle hier kapieren werden, dass alle an dieser Uni früher schon zu den verdammt Guten gehört haben und dass hier andere Maßstäbe gelten als an unseren alten Schulen. Ich finde es aber auch irgendwie angenehm und auch sehr lustig, wenn man auf die Frage nach dem Abischnitt mit 1,1 antwortet, nicht mit tellergroßen Augen angeguckt wird und gefragt wird, ob man den dafür in den letzten beiden Jahren an der Schule überhaupt noch etwas anderes gemacht habe als lernen und wo der Hintergedanke „Streber!!“ einen geradezu anschreit, sondern wo man nur ein sehr erfreutes Lächeln und „Echt? Das ist ja lustig, ich auch!“ erntet. Ein sehr großer Teil der Deutschen hier wurden alle für die Studienstiftung des deutschen Volkes vorgeschlagen und so haben wir uns auch schon gut austauschen können, wie man denn seinen schriftlichen Lebenslauf am besten gestaltet…
Insgesamt habe ich eigentlich den Eindruck, in einer Art fortgesetzten Profilklasse zu sein. Uns alle hier verbindet das große Interesse an dem, was wir studieren werde. Hier diskutieren wir nicht am Morgen über die neuesten Entwicklungen in „Desperate housewives“, sondern eher über aktuelle politische Themen. (Zugegeben – das hört sich jetzt todlangweilig und spießig an, ist es aber nicht ;-) )

Elodie und ich haben uns inzwischen abgesprochen, sodass jede von uns immer mal eine Zeitung kauft, und wir die dann hinterher austauschen können. Ein anderes Projekt von uns ist auch noch, dass wir uns dann gegenseitig auf der jeweiligen Fremdsprache erzählen, was in der Welt so vor sich geht. Naja, realisiert haben wir das allerdings noch nicht :-P.
Jetzt am Wochenende ist hier in Nancy eine große Büchermesse „Livres sur la place“, wo die neuesten Bucherscheinungen vorgestellt werden. Das riesige Zelt, wo sich das alles abspielt, ist (mal wieder ;-) ) ganz nah von meinem foyer gelegen (5 Min zu Fuß, und so war ich in den letzten zwei Tagen auch zwei Mal schon dort. Mein armes Studentinnenbudget – es wurde mal wieder arg strapaziert. Bei Büchern kann ich einfach nicht widerstehen!! Aber wenigstens habe ich mir ein Buch gekauft, das mein Studium unterstützen wird: „L'Europe centrale et orientale“. Ich musste doch meine Uni – die auch einen Stand dort hatte – unterstützen. Aber im Moment hadere ich mit mir, ob ich nicht doch lieber andere Bücher hätte kaufen sollen: „Philosophie des relations internationales“ z.B....Ach man, die Bücher da waren alle so interessant! Naja, im Moment bin ich sowieso erstmal noch mit Sebastian Haffner - „Von Bismarck zu Hitler“ - beschäftigt, damit ich meine Zusatzkurs-Geschichtskenntnisse auf einen halbwegs annehmbaren Stand bringen kann...

Meine Sprachtests sind eigentlich alle ganz gut verlaufen, als erstes wurden wir in Englisch getestet. Da sind uns echt allen die Flicken aus der Hose gefallen, mein Gott, der Test war echt hart! Wir hatten einen Text aus der Financal Times über „Schlimmbesserungen“ im Kampf gegen den Klimawandel. Ich habe den Text gesehen und auch, dass da verschiedene Worte unterstrichen waren und konnte mir gleich denken was das heißt: 1. Suchen Sie Synonyme für die unterstrichenen Vokabeln und formulieren Sie die Sätze neu. Uff! Was um Himmels Willen heißt „dog“?? Ja, Hund, danke, so weit war ich auch, aber „TO dog“, als Verb? Dass „offset“ 'ne Sportwette ist, wusste ich auch vorher, aber die deutsche Übersetzung dieses Wortes als Verb?? Uff...naja, wenn man den Kontext dabei hatte und den Text (nach immerhin 3-4-maligem Durchlesen) halbwegs verstanden hatte, dann ging diese Aufgabe. Ansonsten sollten wir den Text noch in 5 Zeilen zusammenfassen und einen Essay über ein aktuelles Ereignis in der englischsprachigen Welt schreiben. Ich kann es nur wiederhoeln: UFFF! Dieser Test war wirklich hart. Aber insgesamt habe ich den Eindruck, dass die Franzosen größere Probleme hatten als wir Deutschen :-).
Aber, ihr könnt es euch vorstellen, ich hatte dafür einen riesigen Schiss vor dem entsprechenden Französischtest. Wenn Englisch schon so schwer war, was würde da erst in Französisch auf auf mich zukommen?? Da muss ich sagen, dieser Test war doch sehr human. Er hat mich sehr stark an meine ganzen DELF und DALF Prüfungen erinnert, die ich gemacht habe. Die Texte waren relativ leicht zu verstehen und (Gott-sei-Dank) mussten wir keine Vokabeln mehr erklären.
Basierend auf diesen Tests werden wir jetzt in Sprachniveaus eingeteilt, irgendwas zwischen 0 (blutiger Anfänger) und 5 (Muttersprachler). Dann kriegen wir extra Sprachunterricht unseren Niveaus entsprechend – demnach also in kleinen Kursen.
Ich bin mal gespannt, in welchem Niveau ich lande, denn um eine 4. Sprache (in meinem Fall Spanisch) anfangen zu können, muss ich mindestens die Niveaus 3 und 4 erreichen – oh là là! Mal sehen...
Am einfachsten fand ich übrigens den Spanischtest: ich konnte die erste Frage problemlos beantworten (Name?) und war sehr schnell fertig: Ich habe „grande débutante“ auf meinen Zettel geschrieben und bin wieder gegangen. :-D

Im Moment habe ich noch sehr viel Freizeit, wir haben maximal 4 Stunden „Vorlesungen“ am Tag, und alle sind vor allem darauf ausgelegt, dass wir das System (Einschreibungen, Technik...) von Sciences Po kennen lernen.
Die Zweitsemestler organisieren für uns sehr viele fakultative Freizeitbeschäftigungen: Am zweiten Abend hatten wir „Speeddating“, das war wirklich lustig. Es funktionierte nach dem Prinzip normalen „Speeddating“-Prinzip, nur dass es zum Ziel hatte, dass wir möglichst viele neue Leute aus unserem Jahrgang kennen lernten.
Letzten Dienstag waren wir in Straßburg und haben dort den Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte besucht. Das war sehr interessant. Hinterher bin ich noch mit ein paar anderen Mädels zum europäischen Parlament gegangen, wo wir uns einen netten Securitymann geschnappt haben, der uns zwar keine Führung durch das Parlament geben konnte, uns aber lauter Infomaterial besorgt hat, so dass ich mein Zimmer jetzt mit einem sehr schönen Plakat vom Europäischen Parlament verschönern konnte.

Insgesamt wird mein Zimmer so langsam wirklich richtig gemütlich. Ich habe mir noch verschieden Lampen gekauft, so dass ich selbst abends nicht dieses hässliche Neonlicht ertragen muss, und auch sonst fange ich an, mich hier richtig wohl zu fühlen.
Zwischendurch hatte ich schon einige Tiefphasen, wo ich nichts lieber wollte, als wieder nach Köln zu fahren und irgendwas mit euch zu unternehmen, aber so langsam lebe ich mich ein. Es ist lustig, wie ihr fast alle geschlossen von meiner neuen (Wahl-)Heimat gesprochen habt. So habe ich das nämlich noch gar nicht gesehen und ich tue mir auch sehr schwer, es so zu sehen. Ich habe so langsam stark den Eindruck, dass ich zu einer Französin mutiere: Ich habe endlich mein französisches Konto, bin stolze Besitzerin meiner französischen Kreditkarte, habe endlich einen französisches Handy. Nur mit dem fließend Französisch sprechen hapert es noch etwas...Aber ich fühle mich nach wie vor als Kölnerin (ach ja, das ist übrigens sehr lustig: wenn man die Deutschen an meiner Uni fragt, wo sie herkommen kriegt man meistens entweder Berlin oder Köln als Antwort). Hier in Frankreich fehlt mir auf jeden Fall ein ordentliches Bier (letztens musste ich schon Heinken trinken...) und dann gibt es noch eine Unverschämtheit sondergleichen: Die Prüfungen am Semsterende liegen GENAU ÜBER KARNEVAL!!! Das heißt, ich kann über Karneval nicht nach Hause, ich kann nicht feiern, ich kann nich im Zoch mitgehen...ohoh, ich kriege so langsam mal wieder gaaanz starkes Heimweh. :-( Ich hab mit einigen Kölnern schon ernsthaft überlegt, eine Meuterei anzufangen oder zumindest mit Pappnase zu den Prüfungen zu erscheinen.
Ansonsten habe ich mit Überraschung festgestellt, dass der 11.11. in Frankreich ein Feiertag ist (Hoffnung keimte in mir auf!!) und dann muss ich tatsächlich feststellen: der 11.11.2007 ist ein SONNTAG. Hmpf. Irgendwie scheint mir mein Studium Karneval nicht zu gönnen.

Soweit ein erster grober Überblick über mein neues Leben als Studentin. Herzlichen Glückwunsch an diejenigen, die es tatsächlich geschafft haben, sich bis ganz ans Ende meines Textes durchzuschlagen und vorher nicht verhungert oder verdurstet sind ;-).

Beim nächsten Mal werde ich euch hoffentlich mehr über mein neues Studium in Politikwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Jura und Geschichte auf Englisch, Französisch und Deutsch, das am 3.10. anfängt, erzählen können. (Das war jetzt eine weniger elegant eingebrachte Antwort auf eure Frage, was ich denn jetzt genau hier studieren werde...aber ihren Nutzen hat sie ja hoffentlich erfüllt ;-) )

Grüßt mir meine „alte Heimat“ schön – und nicht vergessen, ich bin ganz neugierig, was dort so vor sich geht! :-)

So, und am Ende noch ein paar Bilder meines Ausflugs nach Straßburg:

Ich im Innenhof des Europäischen Parlamentes:

Und mein ganzer Jahrgang vor dem Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte:


23.9.07 13:03
 


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