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IN MEMORIAM

Letzte Nacht hat ein Kommilitone Selbstmord begangen. Heute Morgen, als ich zur Uni kam, habe ich es dann erfahren. Offensichtlich als eine der ersten, denn der Großteil der anderes Studenten wusste noch nicht Bescheid. Bis jetzt wusste ich nicht, wie schwer es ist, so eine Nachricht mitzuteilen.
Mein Dozent ließ seinen Unterricht ausfallen und ließ uns offen, wie und wo wir damit umgehen. Nach kurzer Zeit wussten all 200 Studenten Bescheid und in der Uni herrschte ein Schockzustand wie ich ihn noch nie vorher erlebt hatte. Es war eine eiserne Stille überall standen wir Studenten rum und versuchten zu verstehen. Eine gespenstische Atmosphäre herrscht vor. Mittags hatten wir dann eine gemeinsame Sitzung mit dem Direktor, der extra aus Strasbourg zurückgekommen war, und allen anderen Mitarbeitern der Uni. Auch dies eine sehr gespenstische und vor allem traurige Veranstaltung. Und über allem schwebte ein Wort: Warum? Wie konnte so etwas passieren?

Ich kannte diesen Kommilitonen als lebenslustig, offen, freundlich, engagiert aber wir hatten keinen richtigen Draht zueinander. Der große Druck hier an der Uni schien ihm nichts auszumachen und am als ich Anfang des Semesters mit ihm sprach, hatte ich den Eindruck, dass er wahnsinnig stolz darauf war, an Sciences Po zu sein. Und trotzdem ist es passiert. Die Frage, die sich alle stellen ist vor allem die: Ist der Druck an Sciences Po zu groß? Sicherlich, hier wird das äußerste von einem verlangt. Man muss seinen Tag genau einteilen und sehr diszipliniert arbeiten, wenn man den Arbeitsberg meistern will. Wenn ich mich in meinen letzten Einträgen über den Haufen an Arbeit beschwert habe, dann war das gar nix, außer vielleicht das stöhnen einer faulen Sau, die in ihrem Leben bis jetzt noch nie richtige Arbeit kennen gelernt hat und plötzlich feststellen muss, dass sie den Tag nicht nur mit freizeitlichen Aktivitäten verbringen kann. Was wirklich Arbeit ist, konnte ich diesen November erfahren: 4 Referate (die die Hälfte der Halbjahresnote ausmachen), eine Dissertation (8 Seiten), eine Hausarbeit (5 Seiten), ein Revue de Presse (eine Art Referat über die Ereignisse der letzten Woche, zusammengestellt aus sämtlichen wichtigen Zeitungen der Welt), regelmäßiges Lernen für die berüchtigten Tests de Connaissance und möglichst auch noch Aufarbeiten und Wiederholen der Vorlesungen um die Zwischenprüfungen am 8. und 15.12. mit heiler Haut zu überstehen. Freizeit bleibt da nicht. Und den Kopf kriegt man auch nicht frei. Man denkt von Aufgabe zu Aufgabe, von Referat zu Referat und muss immer wieder geschockt feststellen, dass schon wieder Wochenende ist. Und ganz unstudentisch muss ich mal sagen: Wochenende ist Mist. Denn 1. bedeutet das, dass schon wieder eine Woche rum ist, obwohl gerade erst Montag war. Aber der Berg an Arbeit vor einem scheint ebenso wenig wie ich gemerkt zu haben, dass ich gerade mal wieder eine Woche durchgearbeitet habe. Und 2., das Wochenende bedeutet nichts anderes, als knapp 48 Stunden in seinem Zimmer zu verbringen, davon 24 am Schreibtisch. Und gerade im November ist so etwas besonders schlimm. Das Wetter ist grau, es regnet, es ist kalt. Es wird früh dunkel, es wird spät hell. Und auch andere Umstände spielen dort noch mit rein: alles um einen herum scheint tot zu sein: Die Bäume haben keine Blätter mehr, die Wiesen verlieren an grün. Das drückt auf die Stimmung und ich habe nicht selten in den letzten 4 Wochen gedacht „Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr“.

Man muss versuchen, sich Ausgleiche zu schaffen. Mein Sonntagabend gehört mir und meinen Freunden hier. In der Woche chatte ich an den Abenden um mich etwas abzulenken. (Was nicht unbedingt viel hilft, wenn man nebenbei arbeitet).
Trotzdem, das Leben hier und vor allem an der Uni ist schön. Insofern, dass wirklich eine familiäre und freundliche Atmosphäre herrscht. Jeder Erstsemestler hat eine Patin oder einen Paten, der einem über die anfänglichen Schwierigkeiten hinweghilft und indirekt auch direkt integriert. Wir haben diese Angebote als selbstverständlich hingenommen, höchstens vielleicht gedacht: huch, schöne Sache. Und doch, das heutige Ereignis hat uns allen vor Augen geführt, dass wir an dieser Uni im Endeffekt eigentlich eine große Familie sind. Wir sind alle im selben Boot und es herrscht ein Vertrauensverhältnis vor. Vielmehr wurde heute noch einmal betont, dass genau so ein Verhältnis herrscht. Für uns Studenten wird psychologische Betreuung angeboten, denn die Administration ist sich im Klaren darüber, dass auf uns Studenten ein ungeheurer Druck lastet, den sie auch gut heißt. Auf diese Weise lernt man am meisten. Und das meine ich nicht ironisch. Wenn jemand gezwungen ist zu arbeiten, dann arbeitet er auch. Aber er muss mit Druck umgehen können.

Das makabere an dieser Geschichte ist, dass wir uns am Anfang des Jahres noch über die Tatsache lustig gemacht haben, dass in den oberen Stockwerken die Fenster abgeschlossen sind. „Es könnte ja jemand rausspringen!“ Wozu brauchen wir einen Psychologen? Wir sind doch nicht krank!

Auf grausame Weise wurde uns allen (Studenten, Dozenten, Mitarbeiter) vor Augen geführt, dass solche Einrichtungen nicht alibimäßig eingerichtet sind, sondern tatsächlich durchdacht sind. Dieses Ereignis hat uns zusammen geschweißt. Uns verbindet die Erkenntnis, die vorher wenn überhaupt nur unterschwellig vorhanden war, dass –egal wie groß der Druck der Studien ist – das Leben aus etwas anderem als Wissensaneignung besteht. Eine Tatsache, die wir Elitestudenten leider gerne mal vergessen. Die Erinnerung an unseren Kommilitonen wird uns hoffentlich ein ewiges Mahnmal dessen sein.

In Memoriam.

30.11.07 22:50
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Billy (1.12.07 11:25)
Ich bin erschüttert und stelle fest, wie leer Worte des Mitgefühls in solchen Situationen sein können. Was soll man sagen? Sicherlich wächst der Mensch mit den Aufgaben, wie es heißt, und der Druck ist auch notwendig, sich zu entwickeln. Aber wie zart ist das Gleichgewicht zwischen einer solchen Entwicklung und einer menschlichen Würde, die Zuversicht, Anerkennung und individueller Wahrnehmung einschließt. Wie schnell fühlt man sich ausgesondert, ist vereinsamt und voller Zweifel aus welchen Gründen auch immer.
Ich fühle mit Dir und Deinen Kommilitonen.

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